Die Ostfriesland Tour 2026
Ist es in Aurich wirklich schaurig?
Nun, um ehrlich zu sein: wir, die vom Niederrhein kommen, konnten die Aussage nicht überprüfen, denn wir waren nämlich nicht im eigentlichen Zentrum von Aurich.
Aber was wir heute sagen können: die Umgebung von Aurich ist alles andere als schaurig, sondern sehr schön. Wenn auch friesisch herb, so wie dieses Pilsener Bier, das dort in der Nähe gebraut wird.
Es weht dort oben wohl öfter eine steife Brise und das Wetter kann sich im 10 Minutentakt ändern. Zumindest an diesem Wochenende, an dem die IG Speichenrad ihre diesjährige Wochenendausfahrt zelebriert hat.
Zeremonienmeister waren diesmal Jörg, Heike, Rolf und Angela. Scheinbar sind sie irgendwie nordisch angehaucht, denn sonst hätten sie uns nicht so weit in den hohen Norden Deutschlands entführt und hätten nicht das Hotel " Köhlers Forsthaus" bei Aurich als Endziel der Tour auserkoren. Also ging es in diesem Jahr hoch zu den Ostfriesen, auch wenn dem ein oder anderen wegen der stattlichen Anreise von mal eben über 300 Km an einem Tag Bedenken kamen. Also nix für Weicheier und Eisdielen-Cruiser.
Nun kann man das Wetter nicht mit vorbuchen, wenn man eine solche Tour plant, denn die Hotelbuchung muss schon monatelang vorher geschehen. Man muss es halt nehmen, wie es kommt. Aber da unsere Autos aus England sind, kann uns auch englisches Wetter nicht schrecken. Immerhin haben unsere Roadster ein Verdeck, Steckscheiben fürs Gröbste und die Weichgespülten in der Truppe sogar Kurbelfenster.
Den Joker hatte natürlich Gregor inne. Er reiste gepflegt im herrschaftlichen Bentley S1 durch die Lande und konnte über die Klagen der von Regen und Windböen geplagten Sportwagenfahrer nur mitfühlend schmunzeln.
Immerhin wurde durch diesen Umstand die Besatzung eines wegen Zündungsproblemen liegengebliebenen Austin Healeys für ihr Pech entschädigt durch eine hochherrschaftliche Mitfahrgelegenheit im gediegenen Ambiente des imposanten Fahrzeugs.
Gestartet wurde um kurz nach 9 Uhr in der Früh in mehreren kleinen Gruppen vom Ramshof in Willich aus.
Ein Roadbook gab es nicht, auch bei der IG haben die Errungenschaften moderner Autonavigation Einzug gehalten. Eine bei Google Maps erstellte empfohlene Route wurde über eine eingerichtete WhatsApp Gruppe an alle Mitfahrenden weitergeleitet, sodass ein Roadbook nicht erforderlich war und ein entspanntes, stressfreies Reisen ohne Suchen oder gar Irrfahrten möglich war.
Die Organisatoren hatten zwei verschiedene Strecken angeboten: eine sich nur auf Landstraßen beschränkende Strecke und eine Version mit 100 Kilometer Autobahn dazwischen.
Rheinüberquerung bei Wesel
Nach etwa 3,5 Stunden mehr oder weniger feuchter Fahrt wurde das schön am Dortmund- Ems-Kanal gelegene Gasthaus "Am Wasserfall" bei Lingen erreicht, wo Mittagsrast gehalten wurde. Anschließend ging es nochmal für 2 Stunden für alle weiter über Landstraßen zum Endziel "Köhlers Forsthaus" am Rande von Aurich.
Für den Samstag hatte das Organisationsteam eine geführte Autowanderung durch die ostfriesische Landschaft geplant. Niemand würde sich besser auskennen als ein lokaler Guide, der eine sehr interessante Strecke über größtenteils winzige Wege vorbereitet hatte. Ein Nichtortskundiger hätte niemals diese schmalen Sträßchen, die man eher für Wirtschaftswege gehalten hätte, finden können. Unser Guide war Kalle Altmann, ein weißhaariger "Eingeborener" mit typischem lokalem Slang und ostfriesischem Humor, der die Sache professionell in die Hand nahm.
Auf seinem schwarzen T-Shirt prangte ein großes Emblem "Häuptlingsroute Historic Route 66 LA", wobei LA hier ironischerweise für den Landkreis Aurich stand.
Nun ist so etwas weder mit einer Stadtführung vergleichbar, noch mit einer Omnibusfahrt. Da es eine Fahrzeugkolonne von etwa 15 Autos war, die ohne Roadbook geschlossen durch die Lande geführt werden sollte, hatte Kalle zwei Motorradfahrer als Assistenten dabei. Er fuhr mit seinem Mazda MX-5 in gemäßigtem Tempo voraus und die beiden Motorräder sorgten an Kreuzungen und Kreisverkehren durch Anhalten des übrigen Verkehrs für ein stressfreies Abbiegen an allen neuralgischen Punkten, wo unsere Kolonne hätte unterbrochen oder auseinander gerissen werden können. War eine Kreuzung von allen Teilnehmern passiert, preschten die beiden Motorräder wieder an der Kolonne vorbei, um an der nächsten Kreuzung wieder für eine ungestörte Passage zu sorgen. Perfekt gemacht.
Kalle Altmeier und sein eingespieltes Motorradteam
Dazu gab es für jedes Fahrzeug eine kurze schriftliche Reisebeschreibung mit Hinweisen zu Besonderheiten der Landschaft und der durchfahrenen Ortschaften, um ein umständliches Anhalten der Truppe zu vermeiden.
Die 180 Kilometer lange Fahrt ging durch kleine ländliche Ortschaften und durch Felder mit künstlich angelegten Erdwällen, die seit Jahrhunderten existieren und durch Bepflanzung mit Sträuchern und Bäumen einerseits Grenzen markierten, aber auch Schutz vor Wind und Bodenerosion bieten.
Sehr schön ist auch die sogenannte Fehnlandschaft mit ihren Entwässerungskanälen, weißen Klappbrücken, Mühlen und typischen Häusern mit ihren weit heruntergezogenen Dächern.
Die schnurgeraden Kanäle dienten zur Entwässerung der Moorflächen zur Gewinnung von Ackerland und zum Abtransport des abgebauten Torfs. Weiter ging es in Küstennähe durch Marschland, das durch Deiche geschützt und über Gräben und Siele entwässert wird, um es für Viehzucht und Ackerbau zu nutzen.
Maritim wurde es dann mit Erreichen von Wilhelmshaven, wo wir die historische Kaiser- Wilhelm- Brücke überfuhren: ein Stahlkolloss, der Anfang des 20-zigsten Jahrhunderts erbaut worden war und noch heute die größte Drehbrücke Europas ist.
Kurz nach Wilhelmshaven wurde eine Mittagspause in einem urigen Fischlokal in Hooksiel eingelegt. Gutes Timing, denn so blieb uns die Fahrt durch einen heftigen Regenschauer erspart.
Entlang der Nordseeküste hinter und teilweise auch oben auf dem Deich ging es weiter über Carolinensiel zur Kaffeepause am pittoresken Hafen von Neuharlingersiel. Hier erwischte uns jedoch ein neuer Regenguss vom Feinsten, der besonders die TR3 und MGA Fahrer kalt erwischte, da die umständlich zu montierenden Steckscheiben allesamt im Kofferraum lagen. Da half nur das Parken genau entgegen der Windrichtung, um dem starken Schlagregen Paroli zu bieten und eine völlige Durchnässung des Fahrzeuginneren trotz Verdeck zu vermeiden.
Wir wurden jedoch mit leckerer Ostfriesentorte und Ostfriesentee entschädigt.
Gegen 5 Uhr nachmittags erreichten wir wieder das Hotel, sodass einigen etwas Zeit blieb, bis zum Abendbüffet den Wellnessbereichs des Hotels zu nutzen. Daneben wurde natürlich auch die Bar aufgesucht, um unter anderem auch friesisch herbes Bier zu konsumieren.
Am späten Sonntagvormittag wurde dann am nächsten Tag die Rückfahrt angetreten, navigiert wieder durch eine mit Hilfe von Google Maps ausgearbeiteten Tour, sodass das eingeschaltete Handy uns den Weg wies.
Das Wetter war uns diesmal etwas besser gesonnen, stellenweise gab es sogar sonnige Abschnitte, jedoch immer mit Aussicht auf die nächsten grauen Regenwolken mit entsprechender Nässe von oben, sodass das Verdeck weiterhin notwendig war.
Nach etwa 3 Stunden Fahrt für 211 Kilometer hatten wir uns eine Kaffeepause im Hofcafé Schulz-Scholle bei Gescher im Münsterland verdient. Kaffee und leckerer Kuchen bildeten den Abschluss der diesjährigen Wochenendtour. Bei Sonnenschein starteten wir auf individuellen Wegen je nach Wohnort zurück nach Hause. Die Cabrios diesmal sogar oben offen.
Trotz des friesisch herben Wetters war es eine tolle Tour, die mit über 800 km Fahrstrecke auch eine kleine Herausforderung für unsere betagten "Engländer" war. Naja, und da Gott uns nun mal nicht vor den Autos aus England geschützt hat, hat er es diesmal auch mit Sturm und Wind ebenso gehalten.
Und dass es in Aurich schaurig sein soll, glaube ich nicht. Wo die Landschaft drum herum so schön und interessant ist, kann es da eigentlich gar nicht schaurig sein.
Danke an die diesjährigen Organisatoren der Wochenendtour. Toll gemacht und ich hoffe, dass sich für das nächste Jahr ein ähnlich motiviertes Team findet. Denn: nach der Tour ist vor der Tour.
Mal schauen, wohin uns die nächste Tour führt.
Aber wenn schon mit englischen Autos, dann doch bitte, lieber Gott, ohne Sturm und Wind. Auch wenn es weiterhin beim Schlachtruf IG bleibt:
Gott schütze uns vor Sturm und Wind - und Autos, die aus England sind!
Abschließend noch ein paar Fotos von der Tour:
Wenn man in so einem Auto Probegesessen hat, will man natürlich nur ungern zurück in seinen profanen TR6
Pause in Wiesmoor auf der friesischen Rundtour. Der englische Doppeldeckerbus stand zufällig da.
Bei der Mittagspause in Hooksiel: Dunkle Regenwolken über dem Meer bei Wilhelmshaven, der Bentley kommt mit Motorradeskorte an, und so schnell kann der Himmel über dem Parkplatz kurz nach einem heftigen Regenschauer wieder blau sein.
Fahrt über dem Deich vor Neuharlingersiel mit Blick aufs Wattenmeer
Hübsche Ortdurchfahrten und Windmühle am Straßenrand





























































